Warum es sich lohnt evangelisch zu sein.
Geschrieben von Pfarrer Timmo Hertneck
28.05.2009
Ich wurde gefragt, warum es sich lohnt, evangelisch zu sein. Hier meine Antwort in fünf Thesen und zwei Schlussworten:
Evangelisch sein bedeutet Gott vertrauen
Die Bibel versteht unter „evangelisch“ eine Haltung des Gottvertrauens. Das Evangelium wird in der Bibel als die „Kraft Gottes“ (Römer 1,16) beschrieben, die Menschen von aller Not und Schuld, ja sogar vom Tod befreit. Bereits vor 500 Jahren konnte der Reformator Philipp Melanchton sagen: „Christus erkennen, heißt seine Wohltaten zu erkennen.“ Wenn wir heute sagen, wir seien evangelische Christen, dann meinen damit: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die mir und meinem Nächsten gut tut.“
Evangelisch sein bedeutet Jesus meditieren
Die Bibel stellt Jesus Christus in den Mittelpunkt. Er wird als das „Wort Gottes“ bezeichnet. In Jesus Christus spricht sich Gott aus, in ihm sagt Gott, wer er ist, was er ist und wie er ist. Paulus beschreibt Christus als "Abglanz der Herrlichkeit Gottes", der Kolosserbrief nennt ihn "Ebenbild Gottes", in Christus sehen wir "Gott leibhaftig". Deshalb lesen evangelische Christen die Bibel. Sie ist Hilfsmittel und Werkzeug, das befreiende „Wort“, das Gott in Jesus Christus gesprochen hat: „Wir sind zu einem herrlichen Leben berufen!“
Evangelisch sein bedeutet Leben gestalten
Die Bibel zeigt Gott als Handelnden. Gott ist nicht Schicksal, keine mathematische Formel und auch kein Prinzip. Gott handelt und ist kreativ. Gott bringt Leben hervor. Auch unser Leben. Wir sind mit Würde ausgestattet und dem Auftrag versehen, die Schöpfung zu bewahren und zu bebauen (1. Mose 1+2). Menschen sollen ihr Leben in die Hand nehmen und als Kinder Gottes selbst kreativ werden. Maßstab evangelischer Lebensgestaltung ist die Menschenfreundlichkeit, die in Jesus Christus sichtbar wurde: „Die Liebe ist das Geheimnis des Lebens!“
Evangelisch sein bedeutet Gemeinschaft gestalten
Jeder Mensch ist in seiner Individualität für Gott wichtig. Doch ist der Mensch biblisch gesehen nicht nur ein Individuum, sondern auch ein Gemeinschaftswesen. Jesus sammelte Menschen um sich und lebte in Gemeinschaft. Die ersten Christen waren keine Privatchristen, sondern versammelten sich als Gemeinde. Sie beteten miteinander. Sie hörten gemeinsam auf die Erzählungen der Apostel und sprachen darüber. Sie feierten Abendmahl und Taufe. Sie halfen sich im Alltag, arbeiteten und begleiteten sich in guten und in schweren Stunden. Der Begründer des Losungsbüchleins Graf von Zinzendorf hat diese Beobachtungen zugespitzt und gesagt: „Ich konstatiere kein Christentum ohne Gemeinschaft.“
Evangelisch sein bedeutet „weltweit denken und lokal handeln“
Eine evangelische Gemeinde übernimmt Verantwortung. Wir haben die Mission Jesu, für andere Menschen hilfreich da zu sein. Wir fragen nach dem Menschen in seiner Würde (1. Mose 1,27; Psalm 8, 1; Kor 15,27) und versuchen vor Ort einen sichtbaren Beitrag zu leisten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Hier vor Ort sollen unsere Kinder die Freiheit der Kinder Gottes spüren. Hier in Feuerbach soll unsere Jugend mit einem weiten Herz und wachem Geist heranreifen. Hier in Feuerbach sollen Menschen sich auf dem Lebensweg begleiten und Zeichen setzen für den Frieden, zu dem Gott uns beruft. Hier vor Ort soll der Frieden der Religionen gelebt werden. Hier vor Ort soll die Ökumene der Christen blühen. Hier vor Ort wollen wir für unsere Partnergemeinden in Haifa (Israel) und Ramallah (Palästina) beten und durch Begegnungen zur Völkerverständigung und Versöhnung beitragen. Hier vor Ort sind wir Teil des großen Kirchenkreises Stuttgart, weshalb wir auch angesichts der vielfältigen Anforderungen einer Großstadt mit einem gewissen Stolz sagen können: „Was nicht zur Tat wird, das hat keinen Wert.“ (Gustav Werner)
Mit diesen Gedanken…
… habe ich eine erste Antwort auf die Frage gegeben, warum es sich auch 2017 lohnt evangelisch in Feuerbach zu sein. Vielleicht lösen diese Gedanken bei Ihnen Zustimmung oder auch Widerspruch aus. Gerne will ich mit Ihnen, den Leserinnen und Lesern dieser Überlegungen ins Gespräch kommen. Sprechen Sie mich einfach direkt an oder schreiben Sie ein paar Zeilen. Gerne auch per Mail: timmo.hertneck@evangelische-kirche-feuerbach.de. Dieses „Miteinander im Gespräch bleiben und sich miteinander auf den Weg begeben.“ ist ja ebenfalls ein Merkmal evangelischer Gemeindekultur.
Ganz zum Schluss …
… will ich Ihnen noch verraten, was für mich das Wichtigste an der Evangelischen Kirche ist. Das Wichtigste an der Evangelischen Kirche sind die Gottesdienste. Gott dient uns mit den Gottesdiensten. In den Gottesdiensten, die unseren Lebensweg begleiten und uns durch das Jahr führen, werden wir von Gottes Geist berührt und wir können erleben:
- Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die mir und meinem Nächsten gut tut.
- Die Menschen sind zu einem herrlichen Leben berufen.
- Die Liebe ist das Geheimnis des Lebens.
- Kein Christentum ohne Gemeinschaft.
- Was nicht zur Tat wird, das hat keinen Wert.
Wer so Gottesdienst feiert, der wird auch im Alltag sagen können, warum es sich lohnt „evangelisch“ zu sein.
Timmo Hertneck, Pfarrer
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