Aids-Seelsorger Eckhard Ulrich informiert
Bericht über die Arbeit der AIDS-Seelseelsorge
in der Evang.Landeskirche Württemberg
Warum eine besondere Aidsseelsorge?
Aidsseelsorge - was ist das eigentlich, und brauchen wir das überhaupt in unserer Kirche? Wir haben doch auch keine Diabetikerseelsorge, keine spezielle Seelsorge für Rheumatiker oder Dialysepatienten.
Doch, wir brauchen die AIDS-Seelsorge! Wir brauchen sie, unsre Kirche braucht sie und genauso die Gesellschaft, in der die Kirche ihren Raum hat, aber mehr noch die Menschen, die von HIV und AIDS betroffen sind - und es läßt sich auch schnell erklären, warum man sie braucht, und was sie ist, was das ausmacht, die AIDS-Seelsorge.
Warum eine besondere AIDS-Seelsorge?
Den Hauptgrund sehe ich im Mythos, der sich von Anfang an um diese vier Buchstaben gebildet hat. AIDS, die erworbene Immunschwäche und die ihr zugrunde liegende Infektion mit dem Humanen Immunschwächevirus – das ist ein vielfältiges Syndrom, keine Infektionskrankheit wie andere auch.
AIDS und AIDS-Seelsorge an der Schnittstelle verschiedener Tabus
In AIDS überschneiden sich gleich mehrere gesellschaftliche und religiöse Tabus, die zum Teil bis heute für weite Teile unserer Gesellschaft und Kirche gültig sind: Sexualität und Tod, Promiskuität und entgrenzter Genuß, Drogenkonsum und von der Norm abweichende sexuelle Ausrichtung, Schuldigwerden durch die Ausübung von etwas, das eigentlich eine gute Gabe Gottes ist, Sichtbar- und Öffentlichmachung von Lebensäußerungen, die für gewöhnlich diskret und im Privaten vonstatten gehen.
Das fatale Alphabet von AIDS
Ein Positiver hat vor einiger Zeit im Gespräch AIDS für sich folgendermaßen buchstabiert – und wohlgemerkt, er hat noch gar kein AIDS, er ist nur eben HIV-positiv, ist medizinisch gut versorgt und so gesehen von außen betrachtet doch eigentlich noch in gewisser Weise auf der sicheren Seite. AIDS heißt aber auch für ihn schon: A wie Angst vor Ausgrenzung, I wie Isolation, D wie Demütigung,
S wie sozialer Tod.
Ich kann es jetzt nicht weiter im Einzelnen entfalten, was das für diesen Positiven alles meint, aber allein der erste Buchstabe reicht ja völlig aus: AIDS wie Angst, Angst vor Ausgrenzung, auch wenn er selbst jetzt noch – wie lange noch? – mit der Infektion einigermaßen gut leben und arbeiten kann, dazu kommt aber ja vorgeschaltet dann noch die fatale Angst vor der Angst, Angst davor, wie Menschen reagieren, wenn sie es erfahren, Angst davor, wie es sein wird, wenn er einmal wirklich richtig an AIDS erkranken wird, Angst davor, daß man es ihm vielleicht von einem Tag auf den andern ansehen könnte.
Ein Syndrom, das viele Möglichkeiten in sich birgt
Außerdem ist dieses AIDS ja kaum greifbar, es ist ein somatisches und psychisches Syndrom, es birgt viele Möglichkeiten in sich, muß aber vorerst, ja auf lange Zeit gar nicht manifest werden, es ist eine ganze Palette mit vielen richtig ernsten und potentiell lebensgefährdenden Krankheiten. Bei keinem, wirklich bei keinem sieht AIDS dann aus wie beim andern.
AIDS stellt besondere Anforderungen an die Seelsorge
Wir, die wir in den Bezirken mit der AIDS-Seelsorge beauftragt sind, haben uns diese Aufgabe in aller Regel selbst gesucht. Es wäre schlecht, jemanden dazu zu drängen.
Denn man muß eine große Offenheit und Toleranz mitbringen. Bereitschaft auch Neuem, zum Teil vielleicht Fremdem, Drastischem zu begegnen. Das liegt in der Natur der Sache, das liegt an den Menschen die von HIV und AIDS betroffen sind.
Schwule mit einem manchmal exzessiv promisken sexlife und aktive Drogengebraucher sind unsere Hauptgegenüber; aber gelegentlich auch Frauen mit Familie; zum Glück bei uns in Deutschland nur ganz selten Kinder; und dann gar nicht mal so selten: nicht offen lebende Schwule, die eventuell mit Frau und Kindern leben und für die ihre Infektion zum Sprengsatz für eine ganze Familie werden kann.
Betroffene erwarten nicht, daß wie alles und jedes sofort nachvollziehen können oder gutheißen. Aber Bescheid wissen, die subkulturelle Sprache verstehen, das sollten wir schon. Wenn z.B. ein schwuler Mann beiläufig erwähnt, er vermute, daß er sich seine Infektion halt dabei geholt hat, daß er meistens Barebacksex gemacht hat und wenn ich da dann fragende Augen mache, dann werde ich vielleicht nicht ganz zu Unrecht als weltfremder Kirchenmann verortet.
Von anfänglicher Skepsis zur Akzeptanz
Aber auch mehr grundsätzlich läßt sich sagen:
Viele Positive sind anfänglich erstaunt bis skeptisch. Daß gerade aus dem Raum der Kirche ihnen Menschen mit einem seelsorgerlichen Angebot gegenübertreten, und das auch noch Pfarrer und Diakoninnen, das hätten sie vor dem Hintergrund manch schwieriger Vorerfahrungen nicht ohne weiteres angenommen!
Ist es aber erst einmal gelungen, Vertrauen zu schaffen, dann ist dies die Grundlage für oft jahrelange, intensive seelsorgerliche Kontakte.
Aidsseelsorge braucht und hat Strukturen
Die AIDS-Seelsorge, die jetzt schon weit über 15 Jahre existiert und aus einem kleinen Häuflein von grade mal fünf, sechs allerersten Aktivisten zu einer festen Größe geworden ist, umfaßt zur Zeit über 40 Beauftragte in den Bezirken, KollegInnen in den Gemeinden sind immer noch in der Überzahl und das ist in dieser Mischung auch völlig sachgerecht. Es gibt einen unermüdlichen Leitungskreis, der mit mir als Koordinator (die Koordinationsaufgabe ist mit meinem Pfarramt als Klinikseelsorger am Stuttgarter Marienhospital verbunden) die Arbeit das Jahr durch in Gang hält und weitertreibt.
Wir haben das Privileg, daß unsere Fortbildung von der Kirchenleitung durch die Jahre hindurch gleichbleibend und verläßlich gefördert wird. Wir organisieren jeweils zwei Studiennachmittag und eine zweieinhalbtägige Jahrestagung im DIfÄM.
Unser Dank gilt der Kirchenleitung, die uns dies ermöglicht!
Unverzichtbar: Gründliche und stetige Fortbildung
Diese Fortbildung brauchen wir allerdings auch dringend: AIDS-Seelsorge gelingt nur, wenn man sich dem Fremden, dem Andersartigen nähern kann, dazu ist die Begegnung mit Betroffenen und Fachleuten aller möglichen Einzelaspekte genauso unabdingbar wie der bis ins Persönliche, ins Eingemachte gehende Austausch untereinander.
Wir haben im Lauf der Jahre schon recht viele Themenkomplexe an uns herangelassen, und ich behaupte: das geschah gründlich und viele melden immer wieder zurück, daß ihnen die Arbeit in der AIDS-Seelsorge auch für ihre Arbeit insgesamt in Vielem weiterhilft.
Wir haben uns natürlich und immer wieder mit Homosexualität befaßt, mit Drogengebrauch und –therapie, mit weiblicher und männlicher Prostitution, mit Familie, mit AIDS und Tod, mit Krankheit und Schuld – und immer wieder mit der größeren Verbreitung von AIDS in der weiten Welt und den zugrundliegenden Ursachen, und dabei fragen wir gemeinsam mit anderen natürlich auch danach, wie die Kirchen ihren Beitrag zur Hilfe leisten können.
AIDS-Seelsorge ist mehr als Kontakt zu unmittelbar Betroffenen
AIDS-Seelsorge ist aber mehr als Kontakt zu konkret von der Infektion Betroffenen. Zu diesem kommt es tendentiell eher in den Städten.
Insgesamt steigt die Zahl der mit HIV und AIDS Lebenden, wegen der leicht steigenden Zuwachsraten, v.a. aber schlicht deshalb, weil Positive unter Behandlung heute wesentlich länger leben. Gerade dieses Länger-Leben, so erfreulich es natürlich in allererster Linie ist, bringt viele Probleme mit sich, nicht nur für die Jahrgänge, die bis zur Mitte der 90er Jahre frühberentet wurden. Also, mancher ist AIDS-Seelsorger, irgendwo in einem stadtferneren Dekanat und hat vielleicht gar keinen Seelsorgekontakt zu direkt Betroffenen. Dafür hat er aber vielleicht um so mehr seelsorgerliche Beziehungen zu Angehörigen, die auf dem Land weiterleben, weitgehend alleingelassen mit ihren spezifischen Sorgen, wenn der schwule Sohn schon längst nach Stuttgart, Berlin oder Amsterdam gezogen ist oder wenn die positiv gewordene Drogengebraucherin in irgendeinem der einschlägig bekannten Orte ein unstetes Leben führt. Es gibt Initiativen und Gesprächsgruppen, die sich über Jahre treffen und dies an Orten, an denen man damit nicht so ohne weiteres rechnen würde, z.B. im Bezirk Münsingen.
AIDS-Seelsorge ist Öffentlichkeitsarbeit…
AIDS-Seelsorge geschieht auch durch Präsenz in der Öffentlichkeit, in der kirchlichen, wie der gesellschaftlichen. Das kann mancherorts zum Beispiel auch nur durch regelmäßiges Erscheinen einer Telefonnummer im wöchentlichen Serviceteil der Lokalzeitung geschehen. Aber wir versuchen immer wieder durch Portraits unserer Arbeit oder Interviews in Zeitungen auf uns und unsere Arbeit aufmerksam zu machen, letzten Winter ist das in Stuttgart mal wieder ganz gut gelungen. Durch Verteilen unseres Flyers machen wir in Kirchengemeinden, Kliniken und Fortbildungseinrichtungen deutlich: An uns kann man sich auch ganz diskret wenden.
… und geschieht nach vielen Seiten hin vernetzt
Zur Nacht der Solidarität, bei der Stuttgarter Hocketse der AIDS-Hilfe am CSD, v.a. aber zum Weltaidstag gestalten wir und beteiligen wir uns an vielfältigen Aktivitäten.
Dies weitestgehend in Zusammenarbeit und Kooperation mit Aidsseelsorgern anderer Kirchen, mit der Aidsberatungsstelle der Evang.Gesellschaft in Stuttgart, mit den örtlichen AIDS-Hilfen sowie der AIDS-Hilfe Baden-Württemberg, in ganz unterschiedlichen Aids-Arbeitskreisen oder einem Arbeitskreis im Sozialministerium, im bundesweiten Aktionsbündnis gegen Aids, mit dem DIfÄM, mit Brot für die Welt. Wir haben unverkrampften Kontakt zur Pharmaindustrie, konkret zu deren Referenten, die Kontakt zum HIV-Umfeld halten und mehr noch zu den Schwerpunktpraxen der HIV-Spezialärzte, und genauso auch zu den klinischen HIV-Fachärzten in den großen Krankenhäusern.
Unsere Arbeit erhält immer wieder auch materielle Zuwendungen (Einzelspenden, Gottesdienstopfer, Erlöse von Aktionen), dadurch war es uns u.a. möglich, ein Aufklärungs- und Beratungsprojekt in Samara / Russland zu unterstützen.
AIDS – es gibt auch ein anderes, hoffnungsvolles Alphabet
Es wäre für den Leser ermüdend, wollte ich der Vollständigkeit halber bis ins kleinste Detail gehen. Darum möchte ich zum Schluß nur noch einmal kurz zu dem ernüchternden AIDS-Alphabet meines vorhin erwähnten HIV-positiven Gesprächspartners zurückkommen:
AIDS-Seelsorge ist letzten Endes einfach auch deshalb wichtig, damit die Kirche als gesellschaftlich relevanter Faktor ihren Beitrag dazu leistet, daß man hoffentlich noch zu unseren Lebzeiten sagen kann:
AIDS, das buchstabieren wir jetzt ein für allemal ganz anders, nämlich so:
A wie Akzeptanz, I wie Integration, D wie Dazugehören, S wie Sicherheit in allen sozialen Belangen.
Stuttgart, im November 2009
Pfarrer Eckhard Ulrich, Koordinator / 70180 Stuttgart / Markusplatz 1
Spendenkonto: EKK Stuttgart K.Nr. 410039 BLZ 60060606
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