Sehr geehrter Herr Pfarrer Hauser!
Von meiner Freundin Ruth Binder bekam ich ein Päckchen mit dem Album der Föhrichkirche und das Gemeindeblatt. Mein Mann und ich haben uns sehr darüber gefreut und danken Ihnen sehr herzlich. Wir feierten im Januar und Februar unsere 80. Geburtstage. So war das Päckchen gerade richtig angekommen. Es ist immer schön an die Zeit in Stuttgart zu denken.
Vor 60 Jahren, im März, hatten wir im Fröbelseminar unser Staatsexamen. In einem Studentenheim auf dem Bopser, wo jetzt der Fernsehturm steht, war das Fröbelseminar untergebracht, das eigentliche Fröbelseminar wurde im Krieg zerbombt, wie so viele Gebäude. Ich lebte im Pfarrhaus der Brenzkirche bei Verwandten, Pfarrer Fritz. Als ich dann im Föhrichkindergarten angestellt wurde, wohnte ich bei meiner Freundin Elsbeth Englert. Ich lief auf Steintreppen runter durch die Weinberge nach Feuerbach zum Kindergarten. Frau Ilse Roller war die Leiterin und wir waren sehr beschäftigt mit vielen Kindern.
Ich traf meinen Mann in Stuttgart, er war im Krieg als junger Mann bei der Flak und kam nach zwei Jahren in französischer Kriegsgefangschaft, krank nach Nordholz zu seinen Verwandten. Seine Mutter starb als er 10 Jahre alt war und sein Vater, kriegsblind im ersten Weltkrieg, kam1945 ums Leben, als die Russen das Haus in Berlin Köpenik zerstörten.
Meine Familie musste durch die Tschechei fliehen, wo wir schweres Erlebten. Mein Vater war Pastor Johannes Kilger in Seiferdau, Kreis Schweidnitz. Die Kirche und das Pfarrhaus waren eine schwedische Stiftung. Wir sieben Kinder hatten eine sehr schöne Kindheit. Die Eltern treckten mit Pferd und Wagen mit den Dorfbewohnern, durchs Gebirge nach der Tschechei, wo wir sie dann trafen . Wir Mädchen waren schon im Gebirge bei Verwandten. Der Krieg ging zu Ende und die Rache der Tschechen war schlimm.
Im letzten Lager brach die Ruhr aus, so fuhren uns die Amerikaner in langer Fahrt mit ihren Lastwagen von der Tschechei durch Bayern bis nach Württemberg. In Ulm war ein Sammellager, zum Glück war es zu voll, so fuhren sie nach Herrlingen und luden uns in der Nacht bei einem Bauern ab. Wir schliefen in einer Scheune. Am Morgen brachten uns die Bauern ein wunderbares Frühstück. Es kam uns wie ein großes Wunder vor, nach Wochen der Not und Misshandlungen frei zu sein. In Dankbarkeit zu Gott und durch die große Mithilfe in Württemberg beann für uns ein neuer Lebensabschnitt.
Mein Vater ging ins Pfarrhaus, wo er mit Freuden hörte, dass sein Bruder ganz in der Nähe zu seinen Verwandten geflohen war.und lebe mit seiner Frau bei Pfarrer Dinkelacker in Suppingen.
Mein Vater bekam eine Vertretung in Bermaringen und als Pfarrer Kappus aus der Gefangenschaft zurückkam, wurde er Pfarrer in Leuzendorf.
Seit 1952 leben wir in Kanada bei Edmonton in Alberta, kauften 1960 eine Farm (260 ha.) und „lernten" das Farmen. Wir hatten erst Schweine und Kühe, aber wir spezialisierten uns auf Ammen-Kühe. Vor 10 Jahren haben wir die Herde verkauft und verpachteten das Land. Kanada war gut zu uns. Wir haben 5 Kinder und 13 Enkel. Der Älteste ist schon 31 Jahre alt, fertig mit der Universität und hat zwei Jahre in Japan interrichtet.
Vor 60 Jahren, am 7. Dezember 1948, traute uns mein Vater in der Föhrichkirche. Wir hatten viele Freunde in Stuttgart und stehen noch mit vielen in Verbindung.
Wir wünschen Ihnen, Ihrer Famile und der Gemeinde ein frohes Osterfest.
Es grüsst Sie in Dankbarkeit, herzlichst
Ruthilt und Ekkehard von Gaza
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung durch Frau Ruthilt von Gaza